Im Reich des Guten – ein Nachruf auf Marcel Reich-Ranicki

Im Reich des Guten – ein Nachruf auf Marcel Reich-Ranicki

von Julian S. Bielicki

 

Wenn man in Frankreich unterwegs ist und irgendwo in eine Auberge einkehrt, vor der zur Mittagszeit Fernfahrer ihre Lastwagen geparkt haben, dann wird man dort so gut essen können, daß man denkt, so eine Gastwirtschaft wäre in Deutschland landesweit eine der besten.

Polen hat seit eh und je eine Diskussionskultur, in der freimütige Wortgefechte zum Alltag gehören. Dort wäre Marcel Reich-Ranicki einer der vielen hervorragenden Kultur- und Literaturkritiker, der nicht besonders auffallen würde.

Aber in Deutschland ist jemand, der frank und frei mit Sachkenntnis spricht oder schreibt ein Unikum, das gefürchtet und bestaunt wird – ja darf man denn das? Ja, man darf es. In der neugrünen und altbraunen Suppe darf man es aber nicht, die Volksgemeinschaft darf nur eine Meinung haben, gleich welche, aber nur eine. Die Deutschen reden über alle anderen, machen aber einen Aufstand, wenn jemand über sie redet.

Man kann aber nur über die Deutschen reden, denn mit sich zu reden gestatten die Deutschen nicht. Nolens volens mussten sie es Reich- Ranicki erlauben, denn ihn mundtot zu machen wäre angesichts der jüngeren Geschichte unschicklich. Sie haben ihn gefürchtet, aber weder gemocht, noch sonderlich geschätzt. Als eine Art Kulturhofnarr wurde er letztendlich in Deutschland akzeptiert, in allen Nachrufen wird irgendetwas Anekdotisches, angeblich Ulkiges von ihm als einem Rumpelstilzchen erwähnt.

Aber jetzt bricht ein allgemeiner Liebesanfall der Deutschen für Reich-Ranicki aus, denn nun ist er tot, und tote Juden werden in Deutschland geliebt und geehrt, lebendige nicht so sehr, eher im Gegenteil, besonders wenn sie Israelis sind.

Sigmund Freud hat eigene Mumifizierung durch deutsche Kultur vorhergesagt, und tatsächlich, sowohl er als auch seine Psychoanalyse sind von der deutschen Psychobürokratie zum mittlerweile wirkungslosen Totem und Tabu verarbeitet worden. Das nennt man eben die Aufarbeitung der Geschichte, das ursprünglich Lebendige wird zum Mummenschanz aufgearbeitet und zu Tode gefeiert und gewürdigt. Walter Benjamin, Siegfried Kracauer, Georg Lukács, Ernst Bloch, Richard Löwenthal, Paul Parin und unzählige andere, wurden vom Kultur- und Universitätsbetrieb mariniert und zu billigen Ikonen verarbeitet, mit denen sich jedermann und –frau schmücken kann. Nun wird Marcel Reich-Ranicki zu einer weiteren Statue im Wachsfigurenkabinett des deutschen Kulturbetriebs.

Marcel Reich-Ranicki zeichnete sich durch unbändiges Bestreben nach der Echtheit und der Authentizität des geschriebenen und des gesprochenen Wortes. In Jahrzehnten, Jahrhunderten, Jahrtausenden der mörderischen Verfolgung sind Juden unsichtbare geistige Ohren und dritte Augen gewachsen, mit denen wir Freund und Feind zu unterscheiden gelernt haben, und wer diese paranormalen Antennen für das Falsche und Unechte nicht besaß, der wurde in der unbarmherzigen darwinschen Auswahl eliminiert. Marcel Reich-Ranicki hat überlebt.

Als ich Kind war und meine Mutter fragte, wieso unsere Familie, oder was davon übriggeblieben ist, gerade Nasen hat, obgleich Juden angeblich krumme Nasen hätten, antwortete sie mir: „Juden mit krummen Nasen haben nicht überlebt.“ Tatsächlich, weit und breit habe ich in Warschau der Nachkriegsjahre keine jüdischen Kinder mit krummen Nasen gesehen, zum Teil waren sie sogar hellblond. Diese Empfindlichkeit für die Absichten anderer hatte auch Reich-Ranicki.

Marcel Reich-Ranicki hat sich in die deutsche Literatur wie in ein Reich des Guten begeben, als außerhalb dessen das Böse wütete, und darin, wie in einer ihn schützenden Hülle, blieb er bis zuletzt.

Als in einem Fernsehgespräch anlässlich seiner Ablehnung eines Fernsehpreises, Thomas Gottschalk ihm deswegen Mut attestierte, rief Reich-Ranicki aus: „Mut? Wieso Mut? Ist Gestapo noch nicht weg? Ist es heute schon mutig, wenn man einen Fernsehpreis ablehnt?“

Ja, in Zeiten der Alternativlosigkeit, der herrschenden einhelligen Volksmeinung, ist es mutig, eine andere Meinung zu haben, denn der Volkszorn für eine solche Abweichung ist einem sicher.

Reich-Ranicki äußerte sich weder zur Politik noch zur Geschichte, seine Kritik an Deutschen lebte er in der Literaturkritik aus. Denn er wusste, ein Mensch ist nur dann sicher, wenn die ihn umgebenden Menschen authentisch, echt, ehrlich und aufrichtig sind und das äußert sich in der Sprache, in der Kultur dieser Menschen und in ihrer Literatur.

 

Lieber Marcel Reich-Ranicki, zog nit keyn mol, az du geyst dem letstn veg, mir zaynen do!

 

2013 © by Julian S. Bielicki

www.jsbielicki.com

www.saatchionline.com/jsbielicki

https://psychosputnik.wordpress.com

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s